02-04-2013 // dpa Text zu "80 Jahre Autokino" PDF Drucken E-Mail
Lichtspiele vor Lichtmaschinen - Autokinos in Deutschland

Berlin - Einparken, zurücklehnen, großes Kino: Vor 80 Jahren erfand ein Amerikaner das Drive-in Theatre - das Autokino. Dessen goldene Zeit ist zwar längst vorbei. In Deutschland, wo der erste Betrieb 1960 öffnete, halten sich einige aber trickreich am Leben.
Vorne auf der Leinwand kämpfen King Kong und Godzilla, davor knutscht ein junges Pärchen wild im Cadillac herum: So sieht das Klischee vom Autokino aus. Die Realität ist eine andere - zumindest in den Kinos, die es heute in Deutschland gibt. „Autokinos waren noch in den 70ern richtige Geldquellen“, sagt Walter Jann (71), Betreiber mehrerer Autokinos in Deutschland. Dann aber sei der große Einbruch gekommen: Der wachsende Homevideo-Markt machte es schon gewöhnlichen Kinos schwer. Und mit der Privatisierung des Fernsehens brachten immer mehr neue TV-Sender Spielfilme in die Wohnzimmer. Also blieben Zuschauer aus. „Das Autokino würde sich nicht mehr lohnen, wenn wir die Fläche nicht anderweitig nutzen würden“, erklärt er - etwa tagsüber für Gebrauchtwagenmärkte.

In den fünf „Drive In Autokinos“, die Jann betreibt, läuft es nach einem bewährten Prinzip: Jeden Samstag tagsüber der Automarkt als Geldbringer, und abends strahlt der Beamer. Der Kinoeintritt kostet 7 Euro pro Person. Rund 1000 Stellplätze gibt es an jedem Standort, auch im Winter laufen Filme. Der Ton kommt per UKW aus dem Autoradio.

Neben den Betrieben in Köln und Essen sowie bei München und Stuttgart gehört Jann auch das Autokino in Gravenbruch, einem Stadtteil Neu-Isenburgs bei Frankfurt. „Es wurde am 31. März 1960 als das erste Autokino Deutschlands eröffnet“, erzählt er. Heute sei es mit 71 000 Zuschauern im Jahr 2012 das bestbesuchte im Verbund.

Das erste Autokino überhaupt eröffnete der Amerikaner Richard Hollingshead Jr. am 6. Juni 1933 in Camden (US-Staat New Jersey). Mit Filmvorführungen wollte er das Autogeschäft seines Vaters ankurbeln.

Ein typisches Phänomen heutiger Autokinos in Deutschland ist, dass nur bestimmte Filme Zuschauer locken: „Wir dachten, dass Klassiker gut laufen - das hat sich aber nicht bewahrheitet“, sagt Stefan Hietel. Beliebt seien Actionfilme, Blockbuster und Endzeitdramen. Der Unternehmer sorgte 2009 mit einem Kompagnon auf dem Zentralen Festplatz in Berlin mit einer aufblasbaren 180-Quadratmeter-Leinwand für die Wiedergeburt eines . Besonders voll wird es, wenn ein Blockbuster auch noch von Autos handelt. Laut Hietel sind etwa die Filme der „Fast-and-Furious“-Reihe ein Renner.

Neben den Streifen auf der Leinwand ist auch für das Autokino Berlin das Drumherum überlebenswichtig: „Catering bringt das meiste Geld, wir bieten amerikanische Küche mit Burgern“, sagt Hietel. „Bestellt wird per SMS, und unsere Mädels in Pettycoats bringen Essen und Getränke zum Auto.“ Damit ein Autokino läuft, ist laut Hietel ein Einzugsbereich mit rund einer Million Einwohner Voraussetzung. „Damit kann man den Betrieb gerade über Wasser halten.“

Es geht aber auch anders - zum Beispiel in in Brandenburg. „Es gibt keine Stadt in der Nähe“, sagt der Filmemacher Jean Christopher Burger, der dort 2006 die Dokumentation „Vor Einbruch der Dunkelheit“ über das ehemals einzige Autokino der DDR drehte. „Das ist ein ungewöhnliches Autokino - schon Stunden vor der Vorstellung sammelt sich die Jugend aus den umliegenden Dörfern.“ In der DDR war das Kino dem Regisseur zufolge Kult, und heute laufe der Betrieb noch immer - weil er eben in dem gut 100-Einwohner-Ortsteil von Wittstock/Dosse ein „sozialer Anlaufpunkt“ sei.

Deutschlandweit gibt es nach Einschätzung Hietels aktuell um die 15 Autokinos, die wie sein Betrieb oder der in Zempow zumindest den Saisonbetrieb aufrechterhalten. Mit einem besonderen Service versucht Walter Jann, auch bei Kälte Kunden für den Kinogenuss im Autositz zu erwärmen: In seinen Großbetrieben gibt er gegen Pfand Heizlüfter aus. Keine schlechte Idee, denn seine Mitbewerber erwägen an diesem ungewöhnlich ruppigen Frühlingsbeginn die Verschiebung des Saisonstarts. (dpa/tmn  -  von Stefan Weißenborn)
 
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